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,,Wir weigern uns, Feinde zu sein“

Schüler des Johanneums erfahren, wie das ,,Tent of Nations“ erste Schritte für eine bessere Zukunft in Palästina ebnet

IMG_3377Seit Jahren leiden Israelis und Palästinenser unter der unklaren politischen Lage und täglich drohender Gewalt. Der Bevölkerung bleiben nicht viele Möglichkeiten, um mit dieser Situation umzugehen. Eine Art des Widerstandes ist die der Gewalt, aber auch Resignation (Kapitulation) oder Emigration sind Auswege. Das Projekt ,,Tent of Nations“ hat sich eine andere Art des Widerstandes zum Ziel gesetzt: ,,Wir weigern uns, Opfer zu sein. Wir weigern uns zu hassen. Wir leben unseren Glauben. Wir glauben an Gerechtigkeit.“

Mit diesen Gedanken leitet Daoud Nassar sein Projekt auf dem ca. 42 Hektar großen Weinberg, neun Kilometer südöstlich von Bethlehem. Unter dem Motto ,,Wir weigern uns, Feinde zu sein“ versucht Nassar Hass, Schmerz und Frustration in positive Aktionen umzuwandeln, um so den Schritt in eine bessere Zukunft zu ebnen. Zu diesem Zweck werden über das Jahr verteilt Kinder-Camps angeboten. Diese dienen dazu, das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken und sie von der Politik des Alltags abzulenken. In diesen Camps treffen christliche und muslimische Kinder aufeinander und lernen, welche Bedeutung sie für die Gestaltung der Zukunft Palästinas mittragen. Dazu gehört auch der Umgang mit der Natur. So lernen die Kinder und Jugendliche etwas über alternative Energie, ökologischen Landbau und Gemeinschaftsbau. Durch die angespannte politische Situation ist es leider nicht möglich, auch jüdischen Kindern den Zutritt zu diesen Camps zu ermöglichen .IMG_3373Weitere Projekte sollen etwa das Selbstwertgefühl, aber auch die Selbstständigkeit von Frauen in der Region fördern. So werden unter anderem Computerkurse angeboten, um Frauen, die keine Möglichkeit auf eine schulische Ausbildung hatten, trotzdem eine Chance auf Teilhabe an der Gesellschaft zu bieten.

Immer wieder helfen Volunteers aus dem Ausland mit, denn neben der Arbeit mit Frauen und Kindern stehen auch ganz alltägliche Arbeiten an. So müssen etwa die Schafe, Hühner oder andere Tiere auf dem Hof versorgt werden, oder jemand muss sich um die Ernte von Oliven, Trauben oder Mandeln kümmern. Diese werden dann direkt auf dem Hof weiter verarbeitet und im hofeigenen Laden verkauft. Somit ist das ,,Tent of Nations“ in der Lage, die Bewohner unabhängig von israelischen Lebensmittellieferungen zu versorgen. Vision ist es, den Weinberg zu einem Berufs- und Ausbildungszentrum umzubauen, um es so noch mehr Menschen zu ermöglichen, auf dem Hof zu lernen und zu leben. ,Ich habe Freiheit nie erlebt“, so der 46-jährige Palästinenser Daoud Nassar. Nach seinem Abitur in Bethlehem studierte der evangelisch-lutherische Christ unter anderem auch in Deutschland. Im Jahr 2000 rief Nassar das Projekt ,,Tent of Nations“ ins Leben und kämpft seitdem mit Problemen. Denn das Projekt ist ein Dorn im Auge der israelischen Regierung. Die Farm erhält keinen Anschluss an das Stromnetzwerk, kein fließend Wasser, und seit 2001 ist auch die Zufahrtsstraße zu dem Berg gesperrt. Strom bekommen sie durch Solarzellen und Wasser durch gereinigtes Regenwasser. Da jedoch für jegliche Baumaßnahmen auf dem Gelände eine Genehmigung gebraucht wird, die man als Palästinenser nur schwer erhält, sind auch diese Anlagen illegal und könnten jederzeit auf Anordnung der israelischen Regierung zerstört werden. So kommt es auch dazu, dass die Wohnanlagen in Höhlen gebaut werden müssen und Daoud Nassar immer wieder aufs neue Genehmigung beantragt um somit den Abriss oberirdischer Anlagen zu verzögern. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang die öffentliche Unterstützung durch internationale Förderer des ,,Tent of Nations“, da diese häufig gewalttätige Übergriffe verhindern.

Wie Daoud Nasser es schafft, trotz dieser Erfahrungen nicht aufzugeben und sich nicht als Opfer zu fühlen, beeindruckte auch die beiden anwesenden Klassen. „Ich fand es interessant und motivierend zu sehen, dass friedliche Gerechtigkeitskämpfer nicht nur in Erzählungen vorkommen, sondern dass mit Daoud Nassar auch ein moderner Nathan der Weise existiert.“, so Sara Schneider aus der Ef.

Und so kam auch die Frage auf, wie wir Daoud Nassar und sein Projekt unterstützen könnten. Zum einen ist man als freiwilliger Helfer immer herzlich willkommen, aber auch das Sammeln von Spenden für die ,,Baum-pflanz-Aktion“, bei der neue Bäume als Zeichen der Hoffnung gepflanzt werden, ist eine Unterstützung für das Projekt. Und wem das alles zu aufwändig ist, der kann auch einfach eine Postkarte an:

Nassar Family

Tent of Nations Farms

Peter Cross Road 1

Nahalin Bethlehem

Palestine via Israel

schicken, denn Aufmerksamkeit ist die größte Anerkennung.

Und so schafft es Daoud Nassar, seinem Motto treu zu bleiben: ,,Wir weigern uns, Feinde zu sein“.

Weitere Informationen:

tentofnations.org

dnassar@tentofnations.org

Text: Leonard Björk, Q1f

Fotos: Svea Giese