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Goldene Worte

Das Leben ist eine permanente Entwicklung und balanciert zwischen der Sicherheit des Vertrauten und der Offenheit für Neues. Der „goldene Abiturient“ und langjährige Lübecker Gefängnispastor Burkhard Beyer fesselte bei der Entlassungsfeier für unsere Abiturientinnen und Abiturienten im Kolosseum alle Altersgruppen mit Erinnerungen an seine Schulzeit und feinsinnigen Kostproben aus der „Bonboniere seiner Lebenserfahrungen“. Hier gibt es die ganze Rede zum Nachlesen:

Da die einzelnen Gruppen von meinen Vorrednern schon genannt wurden, beschränke ich mich auf: Sehr geehrte Anwesende, besonders liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

wie an meinem Äußeren leicht zu erkennen, gehöre ich zu zu den Personen, die in diesem Zusammenhang als „Goldies“ definiert werden: analoger Abiturjahrgang 1967, wegen zwei Kurzschuljahren faktisch auch ein G8 Jahrgang. Wir haben uns zwar zum Bedauern mancher Lehrer nicht mehr mit Faust 2 beschäftigen können, was unseren weiteren Lebensweg allerdings nicht signifikant eingeschränkt hat. Das lässt auch für Euren Weg hoffen. Ich habe leichtsinnigerweise zugesagt, ein Grußwort zu sprechen, das kann natürlich nur persönlich, nicht repräsentativ sein.

Zunächst einmal unsere allerherzlichsten Glückwünsche. Genießt Euer gegenwärtiges Hochgefühl, denn es hat Besonderheitswert.

Als ich damals so alt war wie Ihr heute seid, hatten wir eindeutige Vorstellungen und Definitionen über das Leben in all seinen Bezügen. Dazu gehörte auch das Bild, dass , wenn jemand so alt ist, wie ich es heute bin, er Lichtjahre entfernt jenseits aller Lebendigkeit in dunkler Kleidung nur noch im Wartezimmer des Sensenmannes sitzt.

Auch diese Vorstellung ist mit allen anderen der pluralen Buntheit, der offenen und oft unberechenbaren Andersartigkeit des realen Lebens zum Opfer gefallen. Ich selbst fahre immer noch gerne Motorrad, mache Musik und fühle mich nicht angesprochen, wenn von alten Menschen die Rede ist.

Wenn ich unsere damalige Welt beschreiben sollte, ist das im Vergleich zu Eurer heutigen am ehesten durch die bekannten Negationen möglich, die Ihr wahrscheinlich schon nicht mehr hören könnt. Kein Smartphone, kein Internet, kein Computer, kein Streaming, und das bei nur drei Fernsehprogrammen, die sich um 24 Uhr verabschiedeten, keine Disco, kein Quidditch, kein WhatsApp, Facebook und Co., dafür auch kein Shitstorm, kein Pranksten, keine 1200 Freunde, keine permanente Ansprechbarkeit.

In der Schule keine Lehrerinnen, und – was noch folgenschwerer war – keine Klassenkameradinnen. Wer besonders nach Erfahrungen von Zickenalarm neidvoll meint, das müßten ja paradiesische Zeiten gewesen sein, der irrt aus langfristiger Perspektive. Mein persönliches Bild von Frau ist eher geprägt durch Vorstellungen und nicht durch Lernerfahrungen. Wie oft war ich überzeugt, ich hätte Frauen verstanden, und mußte einsehen, dass sich die geheimnisvolle reale Vielfältigkeit meines weiblichen Gegenübers wieder einmal meinen begrenzten Vorstellungen entzog. Das spätere Fegefeuer der Emanzipations- und Feminismusbewegung hatte dann eher einen infernalischen als purgatorischen Charakter. Inzwischen fragt sich sogar der eine oder andere Mutige aus meiner Generation mit Herbert Grönemeyer : wann ist ein Mann ein Mann ? Und ich habe davon gehört, dass die eine oder andere Frau von heute hinter der Fassade eines emanzipierten Selbstbewusstseins bisweilen mit einer ähnlichen Fragestellung in Bezug auf sich selbst beschäftigt ist.

Sollte also das Leben doch permanente Entwicklung und deshalb Lernen ein lebenslanger Prozess sein, in dem die Gestaltung von Wahrheiten eine ständige Aufgabe des Menschen als selbstbestimmendes Subjekt geworden ist? Wie viele Menschen retten sich vor dieser Anforderung des modernen Lebens in eine trügerische Sicherheit von quasireligiösen oder ideologischen Scheineindeutigkeiten. Die Welt schaut in ihrer Vernetzung gespannt auf den Gestaltungsbeitrag Eurer Generation.

Das Ziel von Erziehung war zu unserer Zeit – also vor der 68ger Bewegung – die Anpassung an die gesellschaftlich vorgegebenen Verhältnisse und Normen. Dazu gehörte das lebenslange Singularitätsmodell ( Herr Heisenberg möge mir die Unschärferelation dieses Begriffes verzeihen): eine Klasse von Sexta bis Oberprima, eine Mutter, einen Vater, wenn Geschwister, dann von diesen beiden, ein Abitur, entsprechend die Zielvorstellung: ein Studium, einen Beruf, eine Frau, eine Familie, ein Haus, eine begrenzte Anzahl von Kindern, ein hoher Lebensstandard. Den Begriff Patchworkfamilie gab es damals noch nicht, seine Realität nur vereinzelt und hinter vorgehaltener Hand.

Ebenso wenig gab es die Vorstellung der Förderung des Schülers zu einer individuellen Persönlichkeit. Man ging von der Überzeugung aus, dass ein breites humanistisches Wissen automatisch einen Menschen mit einer breiten Humanität erzeugen – heute würden wir sagen: generieren – würde. Wir haben allerdings noch etliche Lehrer erlebt, um die herum diese Überzeugung einen großen Bogen gemacht hat.

So haben wir noch Reste einer Pädagogik über uns ergehen lassen müssen, die man in der nachträglichen Reflexion als schwarz definiert hat. Ein Beispiel: Der Physiklehrer stellt eine Frage. Es entsteht eine bedrohlich Stille, die meisten senken den Kopf und denken, hoffentlich trifft es nicht mich. Aus Sekunden wird eine Ewigkeit. In diese Stille hinein hallt ein Name:meiner. Ich und Physik: zwei Welten begegnen sich. Für die Antwort muß ich aufstehen, und da ich selbige nicht kenne, weiß ich, was jetzt auf mich zukommt. Der Lehrer ist mitnichten bestimmt durch sein tiefes Bedauern darüber, dass seine wohlüberlegten pädagogischen Bemühungen bei diesem Schüler noch nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt haben. Er holt genüßlich sein Buch heraus und sagt mit einer hämischen und sadistischen Stimme: Setzen, fünf. Doch damit nicht genug. Den krönenden Abschluß dieses erniedrigenden Rituals bildet sein berüchtigt gewordener Satz: Ich werde dich butzen.

Trotz meines großen Interesses für Sprachen habe ich rational nie die Bedeutung dieses Wortes erfaßt, dafür emotional 200prozentig. Heute würde wohl eine Gruppe von Eltern mit einem sich unter ihnen befindenden Anwalt gegen ein solches Verhalten erfolgreich vorgehen, damals nicht. Allerdings glaube ich heute,wenn es einen Himmel gibt, befindet sich auch dieser Lehrer dort, wird hoffentlich von vielen Engeln mit viel Liebe umsorgt, für den Fall, dass er mal wieder……..die Fortführung dieses Gedankens überlasse ich den Fachleuten für Reinkarnation.

Aber für viele unserer Lehrer ist meine folgende Erinnerung repräsentativ: Ein hochgewachsener Lehrer schlendert lässig auf dem Gang zum Lehrerzimmer. Die eine Hand in der Hosentasche, in der anderen seine Aktentasche. Neben ihm geht ein Schüler. Und auch wenn er zu ihm herabsehen muß, ist es ganz klar , dass er sich mit ihm aufgrund seiner Einstellung auf Augenhöhe unterhält Dieser Lehrer gehörte damals zu den jüngeren und befindet sich heute unter uns. Lieber Rudolf, für diesen Umgang mit uns bin ich dir bis heute dankbar.

Ich wäre nicht ich und Vertreter meiner Generation, wenn ich Euch nicht ein paar Sweeties aus der Bonboniere meiner Lebenserfahrungen anbieten möchte:

In 50 Jahren wird jemand von Euch an dieser Stelle stehen und als Goldi ein Grußwort sprechen. Ich werde dann gemütlich in einem himmlischen Sessel sitzen und von dort sehr gespannt und neugierig seinen oder ihren Worten nach 50 Jahren gelebten Lebens lauschen.

 Burkhard Beyer, Abiturjahrgang 1967