Blick über den Tellerrand – wie sieht Schule eigentlich in China aus?

 

Menschen mit einer guten Bildung können frei leben. Sie können alles tun, was sie wollen, ohne über Dinge wie Essen oder anderes nachdenken zu müssen. Nur Bildung kann das Leben der Menschen ändern.“*

Diese Worte wären sicherlich nicht die ersten, die einem deutschen Schüler einfielen, wenn man ihm die Frage stellen würde, welche Bedeutung Bildung für ihn hat. Schule ist für die meisten Schüler natürlich wichtig, aber für viele doch auch ein notwendiges Übel. Das sehen Schüler sicherlich auf der ganzen Welt so und auch China bildet keine Ausnahme. Dennoch hat Bildung dort einen anderen Stellenwert.

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Ich hatte die Chance, nach meinem Abitur 2016 für elf Monate durch das weltwärts-Programm (www.weltwaerts.de) im weniger entwickelten Westen Chinas einen Freiwilligendienst zu leisten. Dort habe ich in der Stadt Jiuquan in einer Oberschule (entspricht der deutschen Oberstufe) den Unterricht durch das zusätzliche Fach „Mündliches Englisch“ unterstützt und ergänzt. Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, waren so vielfältig, dass ich ewig darüber berichten könnte, aber ein kleiner Einblick in das chinesische Schulsystem ist ein guter Anfang.

„Um ehrlich zu sein, ist das chinesische Bildungssystem wirklich nicht gut. Aber wir müssen lernen. Bildung ist mit meiner Zukunft verbunden. Ich denke, dass Wissen unser Leben verändern kann, auch wenn wir jetzt müde und unglücklich sind. Ich würde die müden zehn Jahre gerne gegen hundert glückliche Jahre eintauschen“

Schule funktioniert in China einfach anders, egal ob es um Schulstruktur, Unterricht oder die Bedeutung von Prüfungen geht. Die Schule, an der ich unterrichtet habe, hatte 3000 Schüler in drei Jahrgangstufen (10. – 12. Klasse). Jeder Jahrgang hat mindestens 16 Klassen mit 60 bis 65 Schülern pro Klasse. Natürlich muss dann auch der Unterricht entsprechend an die Klasse angepasst werden. Lehrervorträge, Auswendiglernen und Rezitieren sind die eigentlichen Bestandteile des Unterrichts, Gruppenarbeiten sind selten. Disziplin ist eine unverzichtbare Anforderung an chinesische Schüler, die für Deutsche kaum vorstellbar ist.

Jeder deutsche Schüler hat den Spruch „Ihr lernt nicht für Klausuren, sondern für’s Leben“ sicherlich oft genug von Eltern und Lehrern gehört. In China ist es so, dass Schülern und Lehrern klar ist, dass explizit für Prüfungen gelernt wird. Die Prüfungen sind hart, umfangreich und erfordern einen ungemeinen Lernaufwand. Deshalb sind chinesische Oberstufenschüler unter der Woche von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends in der Schule (natürlich mit einer ausgedehnten Mittagspause), dazu kommen aber noch Hausaufgaben bis spät in die Nacht und hin und wieder Zusatzunterricht am Samstag oder Sonntag.

So kommt es auch, dass sich ein großer Teil des sozialen Lebens der Schüler in der Schule abspielt, da kaum Zeit für aufwendige Hobbys bleibt. Stattdessen werden Basketball, Tischtennis oder Volleyball dann eben auf dem Schulhof während der Pausen gespielt und ein Kinobesuch findet schon mal abends um halb elf statt. Auch von der Schule werden hin und wieder Aktionen organisiert, etwa Sportturniere, Experimentier- und Gesangswettbewerbe oder Flohmärkte.

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„Ich muss an einer Top-Universität aufgenommen werden, sodass ich einen guten Job finden kann. In China ist Bildung die einzige faire Chance für durchschnittliche Menschen auf ein besseres Leben. Für arme Menschen ist Bildung eine Möglichkeit, ihre Probleme zu lösen.
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Das Wort „gao kao“ lässt eine ganze Nation erzittern. Übersetzt ganz simpel „Großer Test“, stellt diese Prüfung den Abschluss einer chinesischen Schulkarriere dar. In ganz China werden an zwei Tagen die Prüfungen geschrieben, die über die Zukunft jedes einzelnen Schülers entscheiden. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm (inklusive Personenkontrolle am Schuleingang, Abriegelung des Geländes, etc.)gaokao2

Denn nur wer mit seiner Punktzahl deutlich über dem Durchschnitt liegt, kann einen begehrten Platz an einer der Universitäten an der Ostküste erhalten und hat die Aussicht auf eine besonders erfolgreiche Karriere. Alle anderen müssen sich mit einem Platz an kleineren, weniger gut ausgestatten Universitäten im Innern des Landes begnügen. Die Prüfungen sind die einzige Möglichkeit, Punkte zu erzielen, mündliche Noten oder vorherige Zeugnisse werden nicht zur Bewertung herangezogen. Daher ist der Druck, der auf den Schülern liegt, kaum zu beschreiben.IMG_2460

„Bildung hilft uns, die Welt, grundsätzliche Dinge und uns selbst zu verstehen. Durch Bildung wird uns geholfen, ein guter und hilfsbereiter Mensch zu sein. Die wichtigste Sache ist es, den Schülern zu zeigen, wie sie ehrlich und freundlich sein und gute Menschen werden können“

*Alle Zitate sind übersetzte Antworten einiger meiner Schüler (10. Klasse) auf die Frage, welche Bedeutung Bildung für sie hat.

Mit zwei Klassen am Johanneum habe ich versucht, Brieffreundschaften zwischen chinesischen und deutschen Schülern herzustellen. Wenn ihr zwischen 14 und 17 Jahren alt seid und Interesse an Kontakt mit einem chinesischen Schüler habt, meldet euch gerne bei ruth.kroetz@gmx.de und/oder bei Frau Lange (Lan@johanneum-luebeck.de)

Ruth Krötz
 

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