Power für die Demokratie 

In der heutigen Zeit kann man davon nie genug haben. Immer wieder braucht es Menschen die aktiv hinsehen und handeln. Für die Schulen des Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ in Schleswig Holstein gab es deshalb ein Treffen mit diesem Schwerpunkt, an dem Mitglieder des Couragetreffs teilgenommen haben.

Wir konnten an verschiedenen Workshops teilnehmen und so Poetry Slams verfassen, Diskussionen über ein Social Media Verbot für unter 14-Jährige führen und lernen, wie uns Algorithmen prägen und in unseren Meinungen bestätigen.

Der Tag war für uns sehr ermutigend und hat gezeigt, wie wichtig die Demokratie für das Miteinander ist, dass wir uns wünschen.

Hier könnt ihr ein paar Ergebnisse des Tages nachlesen:

Im Poetry Slam Workshop haben wir einiges über die Schreib- und Vortragsweise gelernt und durften schließlich eigene Texte zum Thema Demokratie schreiben.

Doppelmoral

Rot.

Rot zwischen blau.

Strahlend blitzt es da oben auf: so frei, so leicht, so unbeschwert.

Doch nicht länger als die Schnur es zulässt ist die Freude am Luftballon gewährt.

Dinge, Momente, Menschen; wir binden sie an uns, aus Angst zu vergessen.

Und doch wollen wir frei sein, wir wollen keine Grenzen!

Oder?

Sehen wir eine schöne Blume, reißen wir sie aus der Erde.

„Die gehört jetzt mir, ich hab sie doch so gerne!“

Machen uns Eigenes anderer zu Eigen.

Und gleichzeitig ist das Wichtigste: Alles soll so bleiben!

Alles soll so bleiben, wie es immer war.

„Bleib weg, ich wohn hier und du da.“

Getrennt durch einen kleinen Zaun, eine Mauer aus Unterschieden oder das bloße Gefühl von anders, von neu, von komisch

Von: ich bin besser, ich habe mehr verdient, ich bin mehr wert.

Getrennt durch einen kleinen Zaun, doch nicht aus Stacheldraht, nein, unsichtbar.

Unsichtbar, unbegründet, unwahr.

Kein Zaun gebaut aus Stacheldraht, nein, noch viel stärker, aus purem Hass. Geschürt aus Unsicherheit, Angst oder Langeweile?

Aber wenn wir es doch besser wissen, wie lange soll es dann noch so bleiben?

Ich bin müde davon, von dem Hass, der zwischen uns steht.

Auch noch nach so vielen Jahren, nach wie vor unbewegt.

Unbewegt und starr, eine Grenze, so tief verinnerlicht, unsichtbar doch immer da.

Manchmal erwische ich mich beim Träumen:

Ich wär ein Luftballon – so frei, so leicht, so unbeschwert – tanze ich zwischen den Bäumen.

Doch dann wache ich auf und sehe:

Rot.

Rot zwischen blau.

Ich lasse den Luftballon steigen, lass ihn schweben über Grenzen, schau zu ihm auf.

Ich leg den Kopf in den Nacken, schau von Land zu Land wandernden Vögeln zu

Und irgendwo schießt jemand auf Menschen, die dasselbe tun.

 

Liebes Tagebuch,

Heute ist ein anstrengender Tag. Die Reize prasseln auf mich ein. Noch mehr als sonst. Alles, was da draußen in der Welt passiert fühlt sich so weit weg an, dass ich manchmal denke, würde ich die Nachrichten einfach ausschalten, würde ich gar nichts mehr von dem Weltgeschehen mitbekommen und diesen Schmerz nicht mehr spüren – diesen Weltschmerz. Das wiederum würde würde doch heißen, dass mich dieser ganze „Politikkram“ gar nicht betrifft. Vielleicht ist das erst wichtig, wenn man erwachsen ist. Aber warum bitte, mache ich mir dann so fürchterlich, unaushaltbar viele Gedanken? Warum habe ich so fürchterlich, unaushaltbar erdrückende Gefühle und so eine riesige Angst davor, was in der Zukunft passiert. Wie sich die Welt wandeln wird – und meine Rechte.

Ich möchte in der Öffentlichkeit Händchen halten dürfen, ohne dass uns eine Gruppe Jugendlicher „Löscht euch!“ zuruft. Ich möchte auf einer Bühne Musik machen dürfen, ohne danach ungefragt umarmt und fotografiert zu werden und ohne, dass ich mit der Aussage „Gleich gibt‘s was für die Ohren, aber auch für die Augen ;)“ anmoderiert werde. Ich möchte, verdammt nochmal, nicht ständig und überall auf mein Aussehen reduziert werden und hören, dass ich schwach sei – ich bin ja schließlich ein Mädchen. Das ist doch Biologie!

Also bitte. Vielleicht liegt es ja an diesen Erlebnissen, dass ich mir so „fürchterlich, unaushaltbar viele Gedanken“ mache. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mich bei jedem, wirklich jedem Blick in den Spiegel frage, ob ich falsch bin. Falsch.

Zu viel, zu wenig, zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu weiblich, zu „unweiblich“, zu laut, zu leise. Denn etwas dazwischen gibt es mittlerweile gar nicht mehr.  Etwas dazwischen würde ja in unserer Gesellschaft auch gar nicht funktionieren, denn dann könnte man uns ja nicht mehr in Schubladen stecken. Dann würden die ganzen Strukturen, die vom Patriarchat so mühsam aufgebaut wurden nicht mehr funktionieren. Und das wäre ja doof.

Wie kann es denn nur sein, dass es wirklich Menschen gibt, die so denken? Die uns nicht verstehen – nicht verstehen wollen?

Und die ganze Zeit versuche ich, mich „in die andere Sichtweise hineinzuversetzen“ und nachzuvollziehen, wie diese Gedanken zustande kommen.

Wie kommt Hass zustande? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Ich habe keine Erklärung dafür, denn was gibt es, das diese Gedanken erklären würde? Ich weiß es nicht. Und trotzdem versuche ich immer wieder, „die andere Sichtweise“ zu verstehen. Aber nein – ich verstehe nicht, wie Hass zustande kommt. Wie kann man Liebe denn hassen?

Wie konnte es sich durchsetzen, dass irgendjemand, irgendwann mal, komplett willkürlich beschlossen hat, wer ein schönes und wer ein anstrengendes Leben haben darf?

Heute ist so ein anstrengender Tag. Dabei möchte ich doch einfach nur in der Öffentlichkeit Händchen halten dürfen, auf einer Bühne Musik machen dürfen und mich stark fühlen, ohne mich zu fragen, ob ich zu stark oder zu schwach bin, zu viel, zu wenig, zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu weiblich, zu unweiblich, zu laut, zu leise. Ich möchte etwas dazwischen sein dürfen und mich mögen, wie ich bin. Ich möchte einfach nur, dass diese ganzen, fürchterlich, unaushaltbar erdrückenden Gefühle irgendwann verschwinden und es irgendwann keinen Grund mehr gibt, mich kleiner zu machen, als ich bin.

In zwei Welten

Du magst mich nicht. Ich mag dich nicht. Du machst nicht, was ich denke, was ich sage, was ich tue. Ich mag nicht, was du denkst, was du sagst, was du tust.

Dann gehören wir wohl nicht zusammen, leben in unterschiedlichen Welten.

Geh du in deine, zu denen, die denken, was du denkst, die sagen, was du sagst und tun, was du tust.

Und wenn, ich tue es dir gleich, gehe in meine Welt.

So leben wir beide in zwei getrennten Welten. Es ist friedlich und wir fühlen uns sicher.

Doch zwischen uns wächst eine Mauer immer höher von Tag zu Tag. Wir verändern uns und ich kenne dich nicht mehr. Da ist diese Mauer, die ich nicht überwinden kann, nicht überwinden will. Denn ich will nicht denken, wie du denkst, nicht sagen was du sagst, nicht tuen, was du tust.

Ich verstehe dich nicht und du mich nicht.

Doch sind da immer wieder diese Fragen: Warum du mich nicht verstehen kannst und ich dich nicht. Warum wir in in zwei Welten leben, du auf deiner Seite der Mauer und ich auf meiner.

Und ich frage mich, ob du dir diese Fragen auch stellst oder ob es dir egal ist? Willst du mich überhaupt verstehen?

Was wäre, wenn ich auf die Mauer käme? Würdest du mich sehen, wolltest du mich sehen? Und würdest du vielleicht sogar zu mir auf die Mauer kommen?

Ich glaube, da oben wäre Platz für uns beide und vielleicht könnten wir uns dort ja zuhören und verstehen.

Denn ja du magst mich nicht und ich mag dich nicht, aber vielleicht könnten wir einander verstehen. Verstehen, was wir denken, was wir sagen und was wir tun.

Ich glaub nicht, dass wir uns einig wären, aber wir könnten zusammen leben in einer gemeinsamen Welt.

Couragetreff