Goldene Grüße
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
- liebe Eltern, Großeltern und liebe Angehörige!
- Sehr geehrter Herr Dr. Janneck, liebe Mitglieder des Lehrerkollegiums!
- Liebe Mitarbeiterinnen des Sekretariats und des Schulvereins!
Im Namen des hier anwesenden „goldenen Abiturjahrgangs 1976“ möchten euch Abiturientinnen und Abiturienten ganz herzlich zum erfolgreichen Abschluss eurer Schulausbildung am Johanneum gratulieren!
Und ich möchte gleichzeitig euren Lehrerinnen und Lehrern für die soziale und die pädagogische Arbeit danken!
Stolz dürft ihr sein auf eure Leistung und auf euren Abschluss!
Die Zukunft, die ganze Welt steht euch offen mit diesem Zeugnis – ihr seid jetzt frei euren Weg zu gehen, macht etwas daraus!
Ob ihr nun
- eine berufliche Ausbildung in einem Betrieb,
- ein duales Studium oder
- ein Hochschulstudium ohne betriebliche Anbindung anstrebt,
- ob ihr erst einmal mit Work and Travel durch die Welt wollt,
- ob ihr zunächst den Bundesfreiwilligendienst für euch als nächste Station in eurem Leben seht,
- oder eine Laufbahn bei der Bundeswehr als Ziel wählt,
- Möglichkeiten gibt es für euch ganz viele…
…aber: Fertig mit Lernen seid ihr heute jedenfalls noch nicht!
Wir hoffen für euch,
- dass ihr trotz oder gerade mit der KI weiter zukunftsorientierte Ideen habt,
- eine positive Stimmung in Deutschland vorfinden werdet,
- dass die demokratischen Strukturen in unserem Land stabil bleiben werden,
- dass ihr beruflich und privat glücklich sein werdet,
- aber vor allem wünschen wir euch:
- dass euch kriegerische Auseinandersetzungen erspart bleiben…
Wie war das bei uns damals?
Wir hatten tolle, manchmal sogar völlig verrückte Ideen!
Die 68er Jahre wirkten bei uns noch nach, es gab eine Aufbruchstimmung, wir wollten ganz neue Wege gehen…
Was waren das für Zeiten!
- ab 1970 erschütterte die linksextremistische „Rote Armee-Fraktion“ das öffentliche Leben in West-Deutschland,
- eine Ölkrise gab es 1973 auch schon,
- autofreie Sonntage und
- einen drastischen Einbruch des Wirtschaftswachstums, eine hohe Arbeitslosigkeit, erstmals über 1 Million,
- auch damals war das schon eine Folge des Nahost-Konflikts und der Verknappung fossiler Energieträger
- 1974 war Willy Brandt zurückgetreten,
- Helmut Schmidt war zu unseren Abi-Zeiten Bundeskanzler,
- Wir hatten heftigste Debatten und Protestaktionen wegen der Atomkraftwerke,
- Die Westdeutschen waren 1974 Fußball-Weltmeister geworden,
- Der Vietnam-Krieg ging 1975 mit der Niederlage der USA zuende,
- die DDR-Männer holten bei den Olympischen Spielen 1976 Gold im Fußball
Auch unsere Schule schrieb damals Geschichte:
- am Johanneum zu Lübeck war die Reformierte Oberstufe eingeführt worden, wir waren eine der ersten Schulen in Schleswig-Holstein!
- das bedeutete für uns in der Oberstufe
- alles das, was ihr jetzt auch kennt:
- aufgelöste Klassenverbände,
- ein Kurssystem mit Leistungskursen und
- Punktzahlen statt Noten
- und – ähnlich wie jetzt auch bei euch – ein eigenes Nebengebäude, damals um die Ecke in der in der Fleischhauerstr…
Nach uns kam dann 1977/78 die längst überfällige „Koedukation“ mit den Mädels am Johanneum und später der Musik-Schwerpunkt.
Wir waren ja noch ein reines Jungengymnasium…
Mann, was war ich damals brav und schüchtern!
…und natürlich ging es für uns nach dem Abi nicht immer nur geradeaus!
Wir mussten auch Widerstände überwinden, für unsere Ziele kämpfen – und ihr werdet das wohl auch erleben.
Damals Journalismus-Ausbildung? „…da kannst du doch gleich Arbeitslosigkeit studieren!“
Lehramt? In unserer Generation gab es eine Lehrerschwemme…
Kunst, Literatur, Design? Musik? „Sehr gewagt…“
Das war damals auch in diesen Berufszweigen nicht einfach!
Na klar, wer den Weg heute gehen möchte, sollte es auf jeden Fall versuchen!
Einige von uns haben eine klassische Ausbildung absolviert, sind
- Schiffs- oder Versicherungskaufleute, Bankkaufleute,
- Physiotherapeuten…
- Andere hatten Musik als Leidenschaft und als Beruf gewählt,
- Wieder andere haben an der Hochschule studiert, sind Journalisten und Literaturwissenschaftler, andere sind Ärzte, Naturwissenschaftler geworden,
- Ein paar von uns wurden Hochschul-Dozenten…
- …andere sind Designer, Künstler, Verlagsleiter, Verwaltungsbeamte, Offiziere geworden.
Für euch gilt heute: Egal, wo eure Interessen und Begabungen, wo eure Wünsche sind, wir wünschen euch, dass ihr das Ziel erreicht!
Der Beruf ist nicht alles – ich bin mir sicher, ihr werdet es aber leichter schaffen: ein Gleichgewicht zwischen Familie, Freizeit und Beruf zu erreichen.
Wie war das bei mir?
Abitur mit 2,4, also 10 Punkte im Durchschnitt…
- Nee, nee, bei mir waren nicht die Lehrer schuld,
- K., unser Mathe-Lehrer verstarb plötzlich kurz vor dem Abitur, ich hatte mich danach aber auch nicht mehr genügend für die Mathematik eingesetzt,
- ich war zu oft auf dem Sportplatz,
- hatte ´ne Freundin,
- war zu oft im legendären Kaisersaal…
- Blackout im 3. Prüfungsfach (Gemeinschaftskunde)
…manchmal ist man eben erst hinterher schlauer!
…also nix mit Medizin!
- … erst einmal E-Technik studiert in Braunschweig, Vordiplom 1979, aber das war´s irgendwie nicht!
- 2 Jahre ohne Ausbildung in der Pflege im Krankenhaus zugebracht, immer noch keinen Studienplatz in Medizin,
- 1982 ist ein Versuch Studienplatz in Italien gescheitert, ich kann jetzt wenigstens Italienisch!
- Ich habe wie verrückt gekämpft für einen Studienplatz in Medizin,
- Bin insgesamt 5 Jahre Taxi gefahren, meine Eltern dachten schon, ich bleibe auf der Taxe…
- …und ich hatte schon fast aufgegeben, aber weiter alle Hebel in Bewegung.
…oder doch Medizin?
- 1984 kam dann plötzlich doch noch per Losverfahren der heiß ersehnte Studienplatz in Humanmedizin, gut 7 Jahre nach dem Abi…
- Ich wünsche euch auf jeden Fall, dass ihr euren Weg leichter findet!
- Ich ab nach Marburg, voll Power Medizin studiert – das war genau das Richtige für mich!!!
Ich war dann anfangs Mitglied der Ärzteschwemme, genau mittendrin!!!
Heute ist das für Absolventen völlig anders…
- Aber dann hat´s direkt um die Ecke im nächsten Krankenhaus doch noch geklappt mit der ersten Stelle…
So konnte ich eine Familie gründen, bis heute glücklich verheiratet, 2 Kinder, aber ich hatte eine Jahrzehnte lang grottige Work-Life-Balance…
ich habe diesen Beruf voller Leidenschaft ausgeübt! Das war wunderbar!
Und genau diese Leidenschaft, dieses Brennen für ein Ziel, das wünsche ich euch auch!
viel Erfolg auf dem weiteren Weg, Improvisationsgeist, Flexibilität und – viel Glück!
Und vor allem: keine Angst vor den Auswirkungen der KI!
Ich darf jetzt mit 69 Jahren zuhause bleiben…
Ach ja:
Ein letzter Tipp noch: Einer/Eine von euch sollte die Datenbank von allen Adressen eures Jahrgangs verwalten – später erst anzufangen mit dem Suchen wird durch das Namensrecht und Datenschutz sicherlich für euch schwerer als für uns!
O.k., keiner von den 47 der insgesamt 65 gefundenen Mitschülern hatte seinen Nachnamen gewechselt – Jungengymnasium eben…
Euer goldener Abiturient
Dr. med. Thomas Gräber






