Auf dem Dach der Gotik
Ein bisschen gewagt war die Idee einer Turm- und Gewölbeführung mitten im Winter als Klassenausflug schon. Wer kennt ihn nicht, den norddeutschen Schmuddelwinter, eiskalt, stürmisch und nass – die Fische schwimmen auf Augenhöhe und die Schafe haben keine Locken mehr.
Wie dem auch sei; die 8d versammelte sich am 16. Dezember pünktlich um 13.45 Uhr vor dem Portal der Marienkirche, wobei sich der eine oder die andere noch schnell mit einer Köstlichkeit vom Weihnachtsmarkt für den beschwerlichen Aufstieg auf das Dach der Kirche stärkte.
Im Kirchenschiff konnte dann die in zwei Gruppen aufgeteilte Klasse Vorträgen über die Baugeschichte von unseren ehrenamtlichen Führern der Kirchgemeinde lauschen. Romanik, Gotik, Abt Suger, Strebepfeiler und Hallenkirche war alles mit dabei und die nach einem anstrengenden Schultag ermatteten Schülerinnen und Schüler folgten dennoch konzentriert den Ausführungen.
Erste Station des Rundganges waren die 1942 herabgestürzten Glocken, die gleichzeitig Mahnmal gegen den Krieg und Erinnerungsstätte an Flucht und Vertreibung sind. Über eine Wendeltreppe im Südturm ging es dann hoch hinaus. Beeindruckend war es, aus wie vielen Backsteinen sich die dicken Mauern zusammensetzen und wie viel Mühe es gekostet haben muss, diese von Hand zu formen, zu brennen und schließlich an den Ort des Einbaues hinaufzutragen.
Über das Türmerzimmer ging es nun zum Glockenspiel, welches immer zur halben Stunde mit einem Choral auf den Plätzen der Stadt zu hören ist. Wir konnten den Spieltisch bewundern, mit dem es zu besonderen Anlässen vom Organisten der Marienkirche von Hand gespielt wird. Zu anderen Zeiten übernimmt diese Aufgabe eine digitale Steuerung. Bis vor einigen Jahren wurde diese Aufgabe noch von einer überdimensionalen Walze, wie sie auch in einer Spieluhr zu finden ist, übernommen.
Von dort führte uns der Weg auf das knapp 40 Meter hohe Gewölbe der Basilika. Fast unvorstellbar, dass wir nur von einer dünnen 12 cm starken Schale aus Backsteinen sicher getragen wurden. Auf Schautafeln konnten wir nachempfinden, wie der Bau der Gewölbe vor etwa 800 Jahren stattgefunden haben mag und welche genialen Ideen die Menschen damals hatten.
Der Höhepunkt des Ausfluges war sicher die Besteigung der Aussichtsplattform des Dachreiters der Marienkirche. Es erforderte ein wenig Mut, den Fuß über die schmale Leiter auf die offene Plattform zu setzen. Dieser Mut wurde dann aber mit einem atemberaubenden Ausblick auf die Stadt, das Johanneum und die beiden Türme der Marienkirche belohnt.
Auf dem Rückweg besuchten wir noch kurz im Nordturm das Geläut mit seinen 12 Glocken in der Disposition ges0 bis b1, das sich am Geläut der Kathedrale Notre Dame von Paris orientiert.
Auf dem langen Abstieg über die Wendeltreppe im Nordturm bewegten uns noch die in den vergangenen zwei Stunden gesammelten Ausblicke und Eindrücke.
Das Wetter war übrigens fast sommerlich warm und sonnig und trug so zu den überragenden Erinnerungen an diesen Tag bei. Die Fische blieben also in der Trave und die Schafe behielten auch ihre Locken.
Zum Abschluss gilt der Initiatorin dieses besonderen Wandertages Frau Salomon und ihres Begleiters und Photographen Herrn Anneken ein übergroßer, aber mehr als angemessener Dank.
Wolfram Petraschewsky (Elternvertreter der Klasse 8d)
Fotos: Christian Anneken
























