Lichterketten, gespannte Gesichter und leckeres Buffet. Der diesjährige Poetry Slam fand erstmalig in der Aula der Hüxschule statt.
Diesmal trugen fünf Leute ihre Poetry-Slams vor – ihre Texte so vielfältig wie die Kuchenauswahl.
Benyamin Köpke – aus Peru über den großen Ctouch-Bildschirm zugeschaltet – redete über Heimweh und norddeutsche Bräuche. Darauf folgte Silvan Sprengel mit dem Text „Durch den Konsum“, in dem er, angelehnt an das Lied von Tokiohotel, die Konsumgesellschaft kritisierte. Anschließend malte Betty von Lobenstein mit ihrem Text ein Bild von einem Schachbrett, mit dem sie auf Kapitalismus und Sexismus einging. Mia Wimmers trug einen humorvollen Text über die neue Hüxschule vor und Carolin Strobel schloss die erste Runde ab, mit einem Slam über Trauer und Kummer.
Nach einer kurzen Auswertung ging es weiter in die zweite und finale Runde: die drei Top Kandidat:innen Betty, Mia und Benyamin. Nun wurde die Reihenfolge, in der die Texte vorgetragen wurden, ausgelost. Als erstes hörte das Publikum von Betty einen persönlichen Text, in dem sie über Mütter erzählte: Ideale in der Mutterschaft, Sexismus in Beziehungen, Trennungen und noch mehr zum Thema.
Humorvoll ging es weiter mit Mias und ihrem Rezept für volle Busse. Hauptzutaten: „Leute, Leute und nochmals Leute“ und „ganz laute Social-Media-Videos“. Das Rezept ist natürlich viel komplexer im ganzen Text beschrieben.
Der krönende Abschluss des Abends war Benyamins zweiter Text: Dieser spielt in dem Wartezimmer eines HNO-Arztes und sorgte für lautes Gelächter im Raum.
Erneute Auswertung und die zwei Bestplazierten stehen fest:
Betty von Lobenstein auf dem zweiten Platz und Benyamin Köpke – mit tausenden Kilometern Abstand – belegt den ersten Platz!
Beide sind somit in der Stadtrunde und tragen ihre Texte am 18.6 in Schuppen 6 vor. Für beide viel Erfolg!
Auch einen riesigen Dank an Frau Lattwein als Organisatorin des Poetry Slams sowieso die Moderator:innen Emily Nissen, Katharina March und Johann Massalme, die diesen Abend und seine Atmosphäre ermöglicht haben.
Johanna Peterlein, 10b
Fotos: Anja Lattwein
Lübeck, Neustadt, Lima
Heimweh:
Heimweh ist die große Sehnsucht nach der fernen Heimat, oder einem dort wohnenden, geliebten Menschen, bei dem man sich geborgen fühlte.
So der Duden.
Aber, Hey Duden! was weißt du denn?
Das Deutsche hat den Drang meine Gefühle und Emotionen in eine Schablone möglichst intellektuell klingender Worte zu pressen, und ist dann fälschlicherweise der Annahme, dieses würde ungreifbare Gemütszustände für den Durchschnittsmenschen greifbar machen.
Findet der Durchschnittsmensch sich dann einmal in beschriebener Situation, rennt er wortlos in sein Gästezimmer, um das Kissen mit eintausend Tränen zu benetzen,
sich anschließend an den Schreibtisch zu setzen,
Den Kugelschreiber rollen zu lassen,
Gedichte übers Heimweh verfassen:
Heimweh ist, auf einer Sprache zu denken, der deine Ohren kein Verständnis schenken.
Wenn fremde Menschen dich in ihren Storys markieren, Palmen und Kakteen deinen Schulweg flankieren.
Als ich es in der dritten Klasse für nötig hielt, der gesamten Neustädter Jugendherberge um 03:20 Uhr mitzuteilen, wie sehr ich Mutti vermisse, dachte ich,
Ohne zu wissen, wer oder was ein Duden ist,
Ich hätte das Gefühl gefunden.
Wenn ich mir nun selbst den Schlaf raube, mit Schreien in mich hinein,
Denke ich nun hab ich’s wirklich begriffen,
Was es bedeutet jemanden zu vermissen,
Imaginäre Segel zu hissen,
Umzudrehen, das vollgeheulte Kissen.
Den Atlantik überqueren,
Um nach Hause zurück zu kehren.
Heimweh ist, wenn du Durchfall hast, und dir nichts mehr wünschst, als das Mama hier ist, und dich überzeugt, es sei nun die strategisch beste Handelsoption, dir drei Bananen und eine Pellkartoffel der Länge nach in den Rachen zu drücken.
Nur ein Reim bietet sich hier an.
Und diese verfickten Mücken!
Heimweh ist, in Gedichten zu denken,
Wenn Countdown und Kalender dir deine Motivation schenken.
Heimweh ist, es genau zu wissen:
Noch 6.878.548- 47- 46 Sekunden
1854 Stunden
Es hat etwas mit Befremdlichkeit zu tun:
Ich liege hier bei 30° am Meer,
und sehne mich nach Matschepampe und Teer?
Nach Übergangsjacken, weder warm noch kalt.
Nach weniger Lücke zwischen Reich und Arm.
Auf der Fahrt vom Flughafen hab ich’s gesehen:
Sie sitzen nur zwei Straßen von hier und erhalten sich
Unerhört ungehört ihre Existenz zwischen vier Blechplatten und einer Tischdecke.
Und dann zoomen wir raus und wieder rein,
Und sehen einen 15 jährigen, der in ein Notizbuch kritzelt,
Wie sehr er seinen Papa vermisst.
Wie sehr, die norddeutsche Begeisterung, die den ersten, blühenden Krokus mit einer 400 Lichtjahre entfernten Supernova gleichsetzt.
Wie sehr, den norddeutschen Automatismus, der in jedem Umzugspapier und jeder Geburtsurkunde in Schleswig Holstein verzeichnet ist, dass sich ganz ohne weiteres Bemühen beim ersten Überschreiten der zweistelligen Temperaturhürde,
Sonnenschirm, Feuerschale und Grill im Garten breit machen.
Wie sehr
Willst du mehr,
Als das,
Was du hast.
Wie sehr willst du aufhören, so zu tun als würden dir Fischeier und diese Limo aus schwarzem Mais schmecken.
Heimweh, sind schwangerschaftsartige Gelüste nach Döner und Franzbrötchen.
Heimweh ist FOMO.
Heimweh ist, euch nur zu sehen,
Statt mit euch auf der Bühne zu stehen.
Heimweh ist-
Meine Freunde haben mir Briefe geschrieben,
Zum Abschied:
“Du erhellst jeden Raum, den du betrittst”
“Ohne dich würde in meinem Leben etwas fehlen”
“Du bist wie ein Bruder für mich”
“Ich liebe dich”
.Heimweh ist ein Privileg, das nicht jedem Mensch‘ zusteht:
Ich habe Tränen der freudigen Erkenntnis geweint,
Auf die Worte, die ihr mir geschrieben,
Denn dies eine habt ihr mir gezeigt:
Zu vermissen ist zu lieben.
Benyamin Köpke, 10d
Schwarz- Weißes Spiel
Da ist das Brett: schwarz und weiß mit vielen Ecken. 8 nach rechts, nach links, nach vorne, nach hinten.
Da sind die Bauern: huch, gleich so viele, 8 in weiß, 8 in schwarz, nur nach vorne geht ihr Marsch.
Da außen sind die Türme: gleich daneben auch die Springer und die Läufer, sie laufen wie die Säufer nach rechts, nach
links, nach vorne, nach hinten.
Da kommt der König: alle rennen nur für ihn, kämpfen für ihn, umkreisen ihn, schützen ihn. Alle für einen! Willkommen
im schwarz-weißen Spiel. Er selber läuft nur einen Schritt, aber nach rechts, nach links, nach vorne, nach hinten.
Im Schatten daneben die Königin: die Stärkste von ihnen allen. Läuft sogar diagonal, doch auch nach rechts, nach links,
nach vorne und nach hinten.
Im Spiel da will ich sie beschützen. Wenn ich es will, kann sie mir nützen.
Leise und wenig soll sie um den König schleichen, doch dadurch geh ich über Leichen. Einer nach dem ander‘n weg von
der Spielfeldfläche.
Vielleicht sollte ich sie doch bewegen. Nicht zu viel, sonst passiert ihr noch was. sei mal lieber vorsichtig, dann darfst du
auch nach rechts, nach links, nach vorne, nach hinten
Was machst du denn da? Beschütz gefälligst deine Bauern, den Turm, vergiss den König dabei nicht
Mach es anders, besser, jetzt sofort! d6, f4, c4, e6
Bauer raus, Turm raus, König in Gefahr, Lauf! Für den König! oder willst du das Spiel verlieren?
Ertrinkt sie? Verliert sie? Verschluckt sie das schwarz- weiße Meer?
Nein. H6 an den Rand, h4 verschnauft, f2 greift an, Lauf!
auch wenn
meine Finger dich über die Felder ziehen, ich bin mir sicher, du willst es so. Dafür bist du hier, also lauf! Nach
rechts, nach links, nach vorne, nach hinten.
Lauf für ihn, kämpf für ihn, stirb für ihn. Für den König! Oder willst du das Spiel verlieren?
Die Königin: die ,,Stärkste von ihnen allen‘‘ und trotzdem nicht genug. Nicht schnell genug, nicht gut genug, nicht genug
Trotzdem lauf!
Für den König! Oder willst du das Spiel verlieren? Willst du, dass er das Spiel verliert?
Du kannst sowieso nur verlieren. Von dir wird nichts weiter übrig sein, als Schutter und Staub.
Vergiss nicht: Du bist nur eine Figur in diesem schwarz-weißen Spiel.
Betty Hofer von Lobenstein, 10b