Funke(n)flug
Im Sekretariat fliegt ein einzigartiger Johanneums-Drache. Ein ganz besonderes Geschenk der Autorin Cornelia Funke, deren Bücher nicht nur in der Lesezeit auf vielen Tischen liegen. Bei einem Zusammentreffen durfte Inken Christiansen sich ein Bild wünschen und bei der Entstehung zusehen:

Wenn im kommenden Jahr Cornelia Funkes „Tintenfleck“ neben dem Günter Grass-Haus eröffnet, haben vielleicht auch viele von Euch die Chance, die weltberühmte Autorin zu erleben.
Hanna Lohe vom Team der OGS hat darüber nachgedacht, warum diese Bücher in ihrem Leben Funken versprühen.
Warum ich die Bücher von Cornelia Funke so liebe?
Jedes Mal, wenn ich über diese Frage nachdenke, merke ich, wie sehr ich dabei schon wieder ins Funke-Universum hinübergleite.
Wenn ich zurückblicke, gibt es nur wenige Geschichten, die mich so beeindruckt, beschäftigt und begleitet haben wie die von Cornelia Funke. Aber woran liegt das eigentlich? Was macht ihre Art, Geschichten zu erzählen, für mich so besonders? Und warum liebe ich heute, mit 29 Jahren, noch immer dieselben Geschichten, die mich schon mit neun begeistert haben?
Vor meinem inneren Auge sehe ich noch heute, wie ich mir als Kind eine Lieblingsecke auf einem Kuschelfell mit lauter Decken und Kissen gestaltete und es mir gemütlich machte. Und ich erinnere mich, wie ich von dort wie von Zauberhand in ihre Geschichten hineingezogen wurde.
Manchmal stellte ich mir vor dem Einschlafen sogar vor, wie ich aus meinem Bett hinaus in diese Welt reiste, um über Nacht die spannenden Abenteuer weiter erleben zu können.
Das Schöne daran war für mich als Kind: Ich hatte das Gefühl, alles für mich, aber auch in dieser Welt frei entscheiden zu können. Mit dem Wissen, dass ich jederzeit zurückkommen könnte, um genau da anzusetzen, wo ich gerade aufgehört hatte, oder vielleicht sogar alles noch mal neu auf eine andere Weise erleben durfte. Ganz wie ich es wollte.
Ich durfte mich immer wieder in anderen Rollen ausprobieren. Ich war plötzlich mutig und manchmal auch stärker, als ich es mir in meinem Schulalltag vielleicht zugetraut hätte.
Dabei merkte ich, dass ich eine Ressource für mich gefunden hatte, die mir auf diese Weise zeigte, mehr an mich glauben und mir mehr zutrauen zu dürfen.
Ich fand das so faszinierend und aufregend, dass ich gar nicht verstand, warum die Menschen irgendwann beschlossen, erwachsen werden zu wollen.
Erwachsen …
In meiner Erinnerung nahm ich Erwachsene als Kuchen essende, Kaffee und Tee trinkende Menschen wahr, die sich dabei unterhielten und den ganzen Tag ziemlich fest auf ihren eigenen Stühlen saßen, was ich für furchtbar langweilig hielt.
Wie traurig muss es sein, kein Kind mehr zu sein, dachte ich, und hatte richtig Angst, dass auch ich mit dem Alter diese magische Komponente, meine Fantasie und den Mut, neue Dinge auszuprobieren, vielleicht verlieren würde.
Denn ich verstand nicht, wie man dieser Welt sonst begegnen wollen würde, wenn nicht mit Mut, Abenteuerlust und aus der eigenen Fantasie heraus, mit dem Drang, neue Dinge auszuprobieren und eigene Ideen umsetzen zu wollen. Mit Freude an dieser wunderschönen Welt, die jeden Tag so viele neue, schöne und erlebenswerte Herausforderungen bietet.
Heute weiß ich: Fantasie ist etwas, das man sich erhalten und bewahren darf. Etwas, das in jedem Alter eine Rolle spielt.
Lange habe ich mich damit beschäftigt, was Cornelia Funkes Kunst – das ist ihre Art des Geschichtenerzählens für mich – so einzigartig und faszinierend macht und mich immer wieder aufs Neue in ihren Bann zieht.
Im Folgenden möchte ich meine Punkte erzählen, die für mich die fantastische Magie der Cornelia Funke ausmachen. Und ein bisschen darüber sprechen, was mich persönlich an ihren Geschichten fasziniert.
Ist es, weil am Ende irgendwie doch immer das Gute gewinnt?
Obwohl wir an dieser Stelle natürlich darüber sprechen müssen, dass wir wohl alle nur schwer verkraftet haben, dass Fred, der Pygmäen-Boss der Jungsclique, Sprotte, das Oberhuhn der Mädchenbande, im letzten Teil der „Wilden Hühner“ betrogen hat.
Streng genommen wurde dieser Teil allerdings auch nicht von Cornelia Funke geschrieben. Der letzte Teil der Wilden-Hühner-Reihe, „Die Wilden Hühner und das Leben“, wurde nämlich von Thomas Schmid geschrieben. 2009 kam der Film dazu in die Kinos.
Viele waren enttäuscht. Auch ich erinnere mich, wie ich mich wunderte, welche Themen die Hühner hatten, aber noch viel mehr darüber, wie sie ihnen begegneten.
Es fehlte für mich damals die Leichtigkeit, die Hühnerenergie und irgendwie auch das Selbstbewusstsein meiner geliebten Sprotte.
Und ich gebe zu: Ich habe mich schon häufiger gefragt, ob es nicht irgendwo ein Paralleluniversum mit einem anderen Ausgang gibt. In der Funke-Welt scheint schließlich vieles möglich zu sein.
Vielleicht zeigt sich aber auch gerade hier die unverwechselbare Handschrift der Autorin selbst. Wie behutsam sie ihre Geschichten aufbaut und auf welche Weise sie ihre Figuren denkt, erzählt und weiterentwickelt.
Und wer weiß, vielleicht wartet irgendwo ja doch noch ein anderes Happy End auf uns.
Oder liebe ich ihre Geschichten so sehr, weil ihre Figuren häufig als Gemeinschaft funktionieren?
Weil Freundschaft, Zusammenhalt und das Gefühl, füreinander einzustehen, darin etwas so Selbstverständliches und gleichzeitig Kostbares sind?
Weil Werte wie Loyalität nicht ständig infrage gestellt werden und jeder auf seine ganz eigene Weise dazugehören darf?
Ich weiß, dass diese Werte mich sehr geprägt haben und ich mir auch meine späteren Freundschaften und Beziehungen auf dieser Grundlage gesucht habe.
Vielleicht sind es genau die Dinge, nach denen sich Menschen in jedem Alter sehnen: dazuzugehören, angenommen zu werden, Verlässlichkeit und Beständigkeit zu erfahren und Menschen an ihrer Seite zu wissen, mit denen sie gemeinsam durch Abenteuer, aber auch durch schwierige Zeiten gehen können.
Ich glaube, dass solche Geschichten gerade in unserer heutigen Zeit Orientierung und Halt geben können. Besonders dann, wenn gesellschaftliche Strukturen nicht immer die Sicherheit und Unterstützung bieten, die wir uns wünschen, wird es umso wichtiger, dass wir uns gegenseitig stärken und füreinander einstehen.
Vielleicht machen ihre Geschichten aber auch gerade deshalb so viel Mut, weil ihre Figuren keineswegs nur in einer heilen Welt leben.
Auch sie müssen sich mit schwierigen Situationen auseinandersetzen: der Trennung ihrer Eltern, Stress in der Schule, abwesenden Elternteilen, Streit oder ihren eigenen Unsicherheiten. Und trotzdem finden sie Wege, mit diesen Herausforderungen umzugehen und an ihnen zu wachsen.
Ihre Figuren kommen dabei aus dem echten Leben. Sie wirken nahbar, unperfekt und gerade deshalb fällt es so leicht, sich mit ihnen zu identifizieren.
Für mich war Sprotte beispielsweise immer ein Vorbild.
Ich fand sie mutig, taff und selbstbewusst. Gleichzeitig war sie nie vollkommen. Auch sie hatte ihre Unsicherheiten und ganz alltäglichen Schwierigkeiten – zum Beispiel mit Englisch.
Vielleicht war genau das für mich als Kind so wichtig: Man musste nicht perfekt sein, um stark zu sein.
Und es lohnte sich, dranzubleiben und an sich zu glauben.
Oder liegt es daran, wie charmant Cornelia Funke diese Brücke zwischen Realität und Fantasie baut?
Eine Brücke, die einen ganz eigenen Weg in ihre Welten eröffnet, wie beispielsweise in ihrer Tintenherz-Tetralogie, in der ganz bewusst Fantasie und Realität immer wieder verschmelzen.
Trotzdem wirken sie dabei für mich nie überladen. Es braucht nicht ständig neue Gefahren, spektakuläre Wendungen oder Ereignisse, die im Sekundentakt aufeinanderfolgen.
Ihre Geschichten bleiben spannend und aufregend, als würde man organisch in die Geschichte hineinversinken. Man möchte weiterlesen und die Bücher am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen.
Vielleicht liegt aber genau das auch daran, dass selbst ihre fantastischsten Welten immer etwas Nahbares behalten.
Man braucht kein kompliziertes „Nerdversum“, das man zunächst vollständig verstehen muss, während gleichzeitig tausend Handlungsstränge nebeneinanderlaufen.
Stattdessen hat man das Gefühl, ganz selbstverständlich durch eine Tür zu treten – und plötzlich ist man da.
In dieser anderen Welt.
Und auf wundersame Weise versteht man sie sofort.
Als hätte man schon seit hundert Jahren von den schottischen Drachen gehört, wäre längst einmal am Saum des Himmels entlanggelaufen oder hätte Waldemar Wichteltod und die Geheimnisse der Weihnachtswelt schon immer gekannt.
Vielleicht ist es genau das, was ich an Cornelia Funkes Geschichten so liebe:
Sie lassen einen glauben, dass hinter unserer Welt noch eine andere verborgen liegt.
Und dass man manchmal nur die richtige Geschichte braucht, um die Tür zu ihr zu finden.
Jedes Mal, wenn ich aufs Neue eines ihrer Bücher aufschlage und in ihre Welten abtauche, habe ich die kleine Hanna vor Augen, die von ihrer selbst gebauten Kuschelecke aus mit Kuschelfell, Decken und Kissen in eine ganz eigene, besondere Welt reist.
Und so bleibe ich auch heute noch mit der kleinen Hanna von damals in Kontakt.
Denn um es mit den Worten eines anderen grandiosen Kinderbuchautors, Erich Kästner, zu sagen:
„Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“
Wenn auch ihr Lust habt, euch in der dunkler werdenden Jahreszeit mehr mit der Fantasie, dem Fantastischen und Wunderbaren zu beschäftigen, kann ich nur empfehlen, gegen Winterblues und graue Herbsttage in die Bücherwelt der Cornelia Funke abzutauchen.
Ich wünsche euch ganz viel Spaß dabei!
Hanna Lohe, Team der OGS






